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Fünf Jahre nach der Ahrtal-Flut – Warum Flutdemenz heute das größte Risiko ist
Fünf Jahre nach der verheerenden Flutkatastrophe im Ahrtal zieht die Zurich Gruppe Deutschland gemeinsam mit Hochwasserexperten eine Zwischenbilanz: Fortschritte im Wiederaufbau und der Resilienz-Förderung sind erkennbar, doch zentrale strukturelle Schwächen bestehen weiterhin.
Im Rahmen einer Presse-Exkursion ins Ahrtal diskutierten Experten aus der Wissenschaft und der Versicherungsbranche, welche Lehren aus dem Extremwetterereignis von 2021 tatsächlich umgesetzt wurden und wo die Gefahr besteht, dass wichtige Erkenntnisse bereits wieder in Vergessenheit geraten.
Mit an Bord des Exkursions-Busses: Horst Nussbaumer, Vorstandsmitglied der Zurich Gruppe Deutschland und verantwortlich für das Schaden-Ressort, Michael Szönyi, Direktor der Zurich Climate Resilience Alliance sowie Autor der PERC-Analyse zum Extremwetterereignis „Bernd“, Prof. Dr. Matthias von Harten, Teamleiter Zurich Resilience Solutions, Prof. Dr. Holger Schüttrumpf, Direktor des Instituts für Wasserbau und Wasserwirtschaft an der RWTH Aachen.
Bereits im Jahr 2022, ein Jahr nach der Flutkatastrophe infolge des Starkregenereignisses „Bernd“, hatten Experten des ‘Zurich Flood Resilience‘ Programmes mit internationalen Wissenschaftlern und Organisationen gemeinsam im Rahmen der PERC‑Analyse (Post‑Event Review Capability) die Flutkatastrophe im Ahrtal umfassend untersucht. Der Bericht zeigte, dass das Ausmaß der Schäden nicht allein auf die extremen Niederschläge im Juli 2021 zurückzuführen waren, sondern auf strukturelle Defizite im Hochwasserrisikomanagement. Besonders deutlich wurde die Lücke zwischen vorhandenen Warnungen und konkretem Handeln. Hinweise auf die Gefahrenlage lagen teilweise vor, führten jedoch nicht überall zu rechtzeitigen Schutzmaßnahmen oder Evakuierungen.
Zugleich wurde deutlich, dass Risikomodelle und Gefahrenkarten die tatsächliche Dimension des Ereignisses unterschätzt hatten, da historische Hochwasser und seltene Extremereignisse zu wenig berücksichtigt wurden. Auch die Rolle kritischer Infrastrukturen erwies sich als zentral: Deren Ausfall sowie Koordinationsprobleme zwischen verschiedenen Ebenen verstärkten die Folgen erheblich. Der PERC‑Bericht empfiehlt daher, Risikomodelle grundlegend zu überarbeiten, Zuständigkeiten zu klären und den Wiederaufbau konsequent auf Resilienz auszurichten.
Zwischenbilanz nach fünf Jahren: Erste Fortschritte, aber zentrale Herausforderungen bleiben aktuell
Die im PERC-Bericht formulierten Botschaften haben auch fünf Jahre nach der Flut nichts an Aktualität verloren. Ohne strukturelle Anpassungen bei Planung, Infrastruktur, Risikokommunikation und Governance besteht die reale Gefahr, dass sich die wesentlichen Mechanismen der Katastrophe bei zukünftigen Extremereignissen wiederholen. Aus Sicht der Experten wurden seit 2021 insbesondere bei Warnsystemen, Krisenorganisation und Katastrophenschutz erhebliche Fortschritte erzielt, etwa durch verbesserte Vorhersagen, klarere Warnketten und neue organisatorische Strukturen auf Landes- und Kreisebene. Gleichzeitig zeigen sich gerade bei langfristigen Themen wie Flussraum, Infrastrukturplanung und baulicher Vorsorge weiterhin erhebliche Umsetzungslücken. Daher bleibt offen, ob daraus ein strukturell robusteres System entsteht.
Horst Nussbaumer, Chief Operating Officer der Zurich Gruppe Deutschland: „Noch immer wird das Extremwetterereignis ‚Bernd‘ als historisch einmalig und völlig unvorhersehbar dargestellt. Das ist historisch und fachlich so nicht haltbar, denn es gab in der Geschichte vergleichbare Starkregen-Ereignisse und klare Hinweise auf solche Risiken. Bernd‘ war definitiv kein ‚Worst-Case-Szenario. Entscheidend ist deshalb, ob wir die richtigen Lehren umsetzen oder die bereits einsetzende Flutdemenz den resilienten Wiederaufbau schwächt und notwendige Anpassungen vertagt werden. Wenn wir jetzt nicht konsequent den Wiederaufbau an Risikoprävention ausrichten, laufen wir Gefahr, eine ähnliche Situation erneut zu erleben. Die Versicherungsbranche kann Schäden finanziell abfedern, aber echte Resilienz entsteht nur in Kombination mit konsequenter Prävention. Wer sich nicht vorbereitet, bereitet sich auf das Scheitern vor.“
Michael Szönyi, Direktor Zurich Climate Resilience Alliance: „Die PERC-Analyse zeigt, dass Katastrophen wie 2021 nicht an einzelnen Faktoren scheitern, sondern am Zusammenspiel von Risiken, Planung und Umsetzung. Entscheidender Hebel ist deshalb, den Wiederaufbau im Sinne eines ‚build back better‘ und einer langfristig widerstandfähigen Entwicklung neu zu denken.
Resilienter Wiederaufbau funktioniert nur, wenn er bereits vor dem Ereignis szenariobasiert vorbereitet wird, das geht nur mit klaren Masterplänen und passenden Rahmenbedingungen. Ohne solche Strukturen bleibt er Stückwerk.“
Prof. Dr. Holger Schüttrumpf, Direktor des Instituts für Wasserbau und Wasserwirtschaft der RWTH Aachen: „Wir wissen heute sehr genau, was Hochwasserrisiken reduziert – das Problem ist, dass viele dieser Maßnahmen seit Jahren bekannt sind, aber nicht konsequent umgesetzt werden. Entscheidend ist, dass Hochwasserschutz, Flussräume und Infrastruktur künftig stärker an Extremereignissen ausgerichtet werden, statt den Zustand vor der Flut zu reproduzieren. Sonst besteht die Gefahr, dass wir die gleichen Verwundbarkeiten bei jedem Extremwetterereignis wiederholen.“
Prof. Dr.-Ing. Matthias von Harten, Teamleiter Zurich Resilience Solutions: „Mit Tools wie Climate Spotlight können wir heute sehr genau analysieren, wo Unternehmen, Kommunen und Infrastrukturen besonders anfällig für Naturgefahren sowie Klimarisiken sind und konkreten Handlungsbedarf identifizieren. Entscheidend ist, diese Daten nicht nur zu erfassen, sondern konkrete Maßnahmen abzuleiten. Ziel ist es, durch präventive Adaptionsmaßnahmen Risiken zu minimieren, anstatt nur beim Wiederaufbau zu unterstützen. Resilienz entsteht dort, wo Risiken transparent gemacht und Entscheidungen konsequent darauf ausgerichtet werden. Investitionen in den Schutz vor Naturgefahren rentieren sich immer - man muss nur lange genug warten."
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